Freies Wissen

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Freies Wissen für freie Weltbürger

Die Online-Enzyklopädie Wikipedia

Wikipedia ist eine Online-Enzyklopädie, an der jeder mitschreiben kann und deren Inhalte kostenlos zum Lesen und zur Weiterverwertung zur Verfügung stehen. Mittlerweile enthält die deutschsprachige Version mehr als 100.000 Artikel. Doch die Meinungen über das basisdemokratische Lexikon gehen weit auseinander: Von einer Revolution des freien Wissens sprechen die einen, während die anderen die Unverlässigkeit der Wikipedia als Quelle kritisieren.

Vorbei sind die Zeiten, in denen man mit dem Klang des Namens Wickie zuerst eine Zeichentrickfigur, den pfiffigen Sohn des Wikingerführers Halvar aus Flake assoziierte. Der Siegeszug einer Vision von herrschaftsfreiem Wissen schreitet unaufhaltsam voran und mit ihm ist der Name Wikipedia verbunden. Dabei steht Wiki keineswegs für ein aufgewecktes Menschenkind, sondern für eine Technik, die es ermöglicht, über das Internet gemeinsam Texte zu erarbeiten.

Doch aufgeweckt sind die Tausenden "Wikipedianer" – so nennen sich diejenigen, die aktiv an dem Online-Lexikon mitarbeiten – auch: Sie recherchieren, schreiben, korrigieren, ergänzen und arbeiten auf Diderots Spuren daran, Wikipedia zur weltgrößten Wissensdatenbank zu machen. Dabei soll das freie Wissen ebenso breit wie tief angelegt und in möglichst vielen Sprachen verfügbar sein. Noch klaffen hier und da Lücken. Beim Anklicken eines Links gelangt man des Öfteren zu einem Aufruf, den entsprechenden Beitrag selbst zu verfassen. Doch das Lexikon wächst und wächst.

Generell unkommerziell

Pro Tag entstehen knapp 2.000 neue Artikel, etwa 300 bis 500 davon in deutscher Sprache. Zurzeit sind – nimmt man alle 83 Sprachversionen, darunter auch Esperanto, Luxemburgisch, Chinesisch oder Slowenisch, zusammen – über 750.000 Artikel verfügbar, wobei die deutschsprachige Version nach Englisch die zweitgrößte ist.

Die Idee zu Wikipedia hatte der amerikanische Internet-Unternehmer Jimmy Wales. Zusammen mit dem Philosophen Larry Sanger startete er im Januar 2001 die englischsprachige Fassung des Projekts. Bereits im Mai 2001 entstand eine deutsche Ausgabe. Der Eigentümer des Servers, auf dem alle Daten gespeichert sind, ist die von Wales gegründete Wikimedia Foundation. Anfangs kam Wales selbst für die Kosten für Soft- und Hardware auf, heute trägt sich das Projekt weitgehend durch Spenden – Fremdwerbung ist auf den Seiten tabu. Im Juni 2004 wurde die erste nationale Schwesterorganisation der Stiftung aus Florida gegründet: die Wikimedia Deutschland – Gesellschaft zur Förderung Freien Wissens e.V.

Programmatisch demokratisch

Die Wikipedia setzt – so könnte man es zuspitzen – auf Masse statt auf Klasse. Hier gibt es keine klassische Lexikonredaktion und die Artikel werden in der Regel nicht von ausgewiesenen Experten verfasst. Dafür kann jeder, der etwas Fehlerhaftes liest, den jeweiligen Artikel mit zwei, drei Mausklicks sofort ändern, verbessern, ergänzen. Die Kontrolle der Masse ist hier der Garant für Qualität. Kritiker sehen jedoch darin zugleich die Schwäche des Lexikons und bemängeln die Unzuverlässigkeit der Informationen.

Wenn jeder alles ändern kann, dann ist es auch möglich, bewusst falsche Informationen in Umlauf zu bringen oder kleine Späße in die Artikel einzubauen. Tatsächlich spürt die "Wiki-Gemeinde" solche Manipulationen in der Regel schnell auf, denn jede Änderung wird dokumentiert und alle Versionen eines Artikels sind jederzeit abrufbar. Wer mutwillig gegen die einzige große Maxime des Portals – alle Beiträge müssen von einem möglichst "neutralen Standpunkt" aus geschrieben sein – verstößt, kann mit einer Sperre belegt werden. Über inhaltliche Zweifelsfragen wird auf der Seite "Diskussion" ausgiebig debattiert.

Essenziell ideell

Frei ist das in Wikipedia gesammelte Wissen nicht nur, weil jeder daran mitschreiben kann, sondern weil die Texte kostenfrei zur Verfügung stehen und – mit Angabe der Quelle – auch uneingeschränkt genutzt, verarbeitet und verbreitet werden können. Das macht die GNU Free Documentation License möglich, unter die alle Inhalte des Lexikons fallen.

Es gibt keine Autorschaft im klassischen Sinne, kein Copyright. Die Texte sind dem "Open Content" zuzurechnen: Wer sein Wissen der Internetgemeinschaft zur Verfügung stellt – ganz ähnlich wie bei den Open Source-Programmen zum Beispiel von Linux –, erhält dafür weder Reputation noch Honorar. Er engagiert sich für die Vision einer demokratischen Weltgemeinschaft: für freies Wissen und Know-how jenseits von Machtmonopolen und Kommerz, jenseits von Arm und Reich.

Dieses Engagement wurde bereits mehrfach ausgezeichnet: So erhielt Wikipedia neben dem Internet-Oscar "Webby-Award" auch den "Prix Ars Electronica", der beispielhafte Projekte, die die Entwicklung einer offenen Informationsgesellschaft vorantreiben, ehrt. Dabei wertete die Jury Wikipedia als "lebenden Beweis dafür, dass sich Content und Wissen auch selbst organisieren können".

Schnell aktuell

Die Tage der teuren Lexika als Buch oder CD-ROM, etwa des Brockhaus oder der Encyclopaedia Britannica, scheinen gezählt, denn in Punkto Schnelligkeit ist das Internet kaum zu überbieten. Zwar offerieren die Lexika-Verlage ihren Kunden im Netz – zumeist registrierungs- und kostenpflichtig – Aktualisierungen zu ihren gedruckten Produkten. Doch mit dem Tempo der Wikipedia können sie kaum Schritt halten. Sogar die Nachrichtenredaktionen tun sich da schwer: Der Richterspruch zum Großen Lauschangriff war bei Wikipedia schneller zu finden als auf der Internetseite der "Tagesschau". Vielleicht, weil "wiki wiki" im Hawaiianischen "schnell" bedeutet?

Clever und unkonventionell sind die Ideen, mit denen der schmächtige Wickie den gestandenen Wikingermännern in der Zeichentrickreihe aus der Klemme hilft. Mit jedem bestandenen Abenteuer wächst das Vertrauen der starken Männern in die geistige und kreative Stärke des Nachwuchs-Wikingers. Und das wird bei Wikipedia ganz ähnlich sein.

Dagmar Giersberg Redakteurin und Publizistin, Bonn

Copyright: Goethe-Institut, Online-Redaktion

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